Die Entdeckung des Insulins jährt sich dieses Jahr zum 100. Mal – durchaus ein triftiger Grund, sich zu freuen und zu feiern, wie auch Tine findet. Allerdings weist sie in ihrem aktuellen Kolumnenbeitrag darauf hin, dass noch lange nicht jeder Mensch mit Diabetes auf dieser Welt davon profitieren kann und sich auch in den wohlhabenden Regionen ein Trend abzeichnet, der Sorge bereiten sollte.

Noch vor 100 Jahren gab es für Menschen mit Diabetes nicht einmal einen Bruchteil der Therapiemöglichkeiten wie heute. Nicht einmal Insulin, nach wie vor das einzige lebensrettende Medikament für Menschen mit Typ-1-Diabetes, war damals schon selbstverständlich verfügbar. Ohne Insulin wären wir alle nicht hier, Punkt.

Ich beobachte die vielen Feierlichkeiten zum diesjährigen 100. Jubiläum der ersten gelungenen Isolierung von Insulin, vor allem in Deutschland, aus der Ferne. Es wurde viel über die erste Insulinisolierung im Jahr 1921 gesprochen und auch darüber, dass dennoch Schulungen, Ärzte und Ärztinnen sowie die technische Weiterentwicklung unserer Hilfsmittel wichtig für uns sind. Ich komme aber nicht umhin, dabei einen wichtigen Aspekt schmerzlich zu vermissen.

Klar, wir feiern die wissenschaftlichen Entwicklungen, wir feiern die Meilensteine und die Menschen, die den Weg bereitet haben und die Schritte gegangen sind, die notwendig waren, damit das Leben für uns mit Dia­betes heutzutage weitergehen kann.

Das ist sicher alles toll und wichtig, aber leider nur die eine Seite der Medaille. Ich als vermeintlich aufgeklärte Patientin bleibe mit Fragen und einem komischen Gefühl zurück:
  • Warum haben immer noch nicht alle Menschen auf der Welt den gleichen, leistbaren Zugang zum lebenswichtigen Insulin?
  • Wo ist hier die Solidarität und wie sehen hier die nächsten Schritte aus?
  • Wie viele Menschen müssen noch leiden, sterben, weil wir es bis heute nicht geschafft haben, das Hormon für alle zur Verfügung zu stellen, die es benötigen?
  • Wie lange bleibt Insulin für uns hier in Mitteleuropa überhaupt noch leistbar, wenn man sich die Entwicklungen in der Welt anschaut?
  • Werde ich mich irgendwann zwischen Lebensmitteln und Insulin entscheiden müssen, so wie es gerade schon vielen Menschen in den USA geht?
  • Werde ich mich irgendwann mit dem Thema Insulinrationierung beschäftigen müssen, weil es schlichtweg zu teuer für mich geworden ist, so wie das bereits vielen Menschen geht, darunter auch vielen Kindern und Jugendlichen?

Diese Wut, diese Angst, diese Fragen sind echt, real, und werden leider nachvollziehbar selten in der Öffentlichkeit besprochen. Wir unterhalten uns natürlich lieber über die positiven Dinge, schließlich passiert schon genug Aufwühlendes in dieser, unserer Welt. Aber gerade deswegen: Als „insulin-dependent“, also vom injizierten Insulin wortwörtlich abhängige Frau, deren Bauchspeicheldrüse kein eigenes Insulin mehr produziert, sind das Sorgen, Fragen und Ängste, für die auch Raum geschaffen werden muss und der mir bisher leider zu diesem Thema gefehlt hat.

Eure Tine

Martina „Tine“ Trommer lebt seit Jahren in der Hauptstadt, bloggt seit ihrer Diabetesdiagnose 2013 unter icaneateverything.com sowie auf der Blood Sugar Lounge und schreibt regelmäßig in ihrer Diabetes-Journal-Kolumne „diabetes and the city“ über ihr Leben mit Diabetes in Berlin.

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2021; 70 (10) Seite 43