Der Klimawandel und seine negativen Auswirkungen auf den Diabetes, eine bessere Versorgung von Menschen mit Diabetes, Diabetes-Prävention, die Leben rettet, die Forderung nach einer "gesunden" Mehrwertsteuer auf bestimmte Lebensmittel - während der Pressekonferenz der Deutschen Diabetes Gesellschaft (Moderation: Dr. Eckart von Hirschhausen) wurden Themen angesprochen, die sehr wichtig und durchaus umstritten sind. Es muss sich etwas ändern, fordert die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG). Aber wer soll diese Änderungen in Gang setzen? Hier die offizielle Pressemitteilung mit Ergänzungen aus unserer Redaktion.

Nötig sei ein Paradigmenwechsel bei all diesen Themen - es sollen sich also Rahmenbedingungen grundlegend wandeln. Das kann keine/keiner alleine schaffen - hier ist die Politik gefordert, sagt die DDG. Die Politik "muss Verhältnisse schaffen, damit jeder Mensch gesund leben kann."

Was genau bedeutet das für die Bereich gesunde Ernährung, Klimawandel und Diabetes, Versorgung von Menschen mit Diabetes allgemein und von Kindern mit Diabetes im Besonderen? In kurzen Statements stellten die Expert:innen der DDG und Dr. Eckart von Hirschhausen in seiner Eigenschaft als Gründer der Stiftung Gesunde Erde - Gesunde Menschen (Motto: Klimaschutz ist Gesundheitsschutz) aktuelle wissenschaftliche Daten und Schlussfolgerungen vor.

Forderung für den Bereich Ernährung: "gesunde Mehrwertsteuer"

„Deutschland wird immer dicker. Deshalb müssen wir weg von der bisher praktizierten Ernährungsbildung und -aufklärung, denn sie erreicht meist nur jene, die sowieso schon gesund leben“, erklärte DDG-Geschäftsführerin Barbara Bitzer. „Menschen, die sozioökonomisch schwach sind und ein hohes Risiko haben, an Adipositas zu erkranken, werden dabei abgehängt.“

Bitzer forderte die Politik dazu auf, Verhältnisse zu schaffen, die es allen Menschen erlauben, sich gesünder zu ernähren. Dazu zählten vor allem ein gesetzliches Verbot von Werbesports für ungesunde Lebensmittel, die sich an Kinder richten und eine „gesunde Mehrwertsteuer“. „Gesunde Lebensmittel wie Obst, Nüsse oder Gemüse würden dann geringer besteuert als jene mit einem hohen Anteil an Zucker, Fetten und/oder Salz.“ Sie plädierte außerdem für die verpflichtende Kennzeichnung von Lebensmitteln mit dem Nutriscore.

Forderung für den Bereich Klima: klimafreundliche Lebensmittel kennzeichnen

Der Arzt und Moderator Dr. med. Eckart von Hirschhausen ging sogar noch einen Schritt weiter: Er wies auf den Zusammenhang zwischen Klimawandel und Diabetes hin und forderte, dass Erzeuger von Lebensmitteln auch deren Co2-Abdruck ausweisen müssten. Das erleichtere den Verbrauchenden den Griff zu gesünderen und klimafreundlichen Nahrungsmitteln – zumal ein Überkonsum von rotem Fleisch auch Diabetes begünstige. „Wir halten pro Mensch 400 Nutztiere und das macht den Menschen und den Planeten krank“, so von Hirschhausen. Was fehle sei eine neue Perspektive darauf, was uns gesund und was krank macht.

„Doch das darf nicht auf den Schultern der Konsumenten abgeladen werden, sondern muss gesetzlich geregelt sein“, so der Mediziner. Wenn Menschen leichter gesunde von ungesunden Nahrungsmitteln unterscheiden könnten, ließe sich noch eine Kehrtwende erreichen – für das Klima sowie die Gesundheit jedes Einzelnen. Unterstützt wurden diese Forderungen auch durch den DDG-Vizepräsidenten und Wissenschaftler Professor Dr. med. Andreas Fritsche: Hitzewellen belasteten Menschen mit Diabetes in besonderer Weise. „Ein gesünderer Lebensstil mit mehr Bewegung und weniger Fleischkonsum schont das Klima und verhindert künftige Diabeteserkrankungen“, so Fritsche.

Werden Menschen mit Diabetes durch Hitzewellen stärker belastet? Eckart von Hirschhausen erklärt es im Video
Ja, sagt Eckart von Hirschhausen. Er nennt als Ursachen eine gestörte Flüssigkeitsregulation und die Folgeerkrankung Polyneuropathie, außerdem die gefährdete Versorgung mit Medikamenten z. B. während der Flutkatastrophe im Sommer in Deutschland, die chronisch kranke Menschen besonders stark trifft. Was genau er damit meint, können Sie sich hier anschauen. Und von der DDG heißt es: "Erste Studien belegen, dass Menschen mit Diabetes ein erhöhtes Risiko für gesundheitliche Probleme bedingt durch extreme Wetterereignisse und hohe Temperaturen tragen. Die Betroffenen sterben nicht etwa an einem Hitzeschlag. Vielmehr verschlechtern sich bestehende Gesundheitsprobleme durch die mit der Temperatur einghergehenden Kreislaufbelastung – was im schlimmsten Fall zu einer erhöhten Sterblichkeit führen kann."

Forderung für den Bereich Versorgung: mehr Diabetes-Lehrstühle an Universitäten

Wenn die Politik nicht gegensteuert, werden Schätzungen zufolge im Jahr 2040 bis zu zwölf Millionen Menschen in Deutschland an Diabetes erkrankt sein. Voraussichtlich wird bis dahin auch die Zahl der Diabetologinnen und Diabetologen deutlich sinken: Ein Drittel ist heute schon älter als 50 Jahre. Für ausreichend Nachwuchs sollte die Diabetologie deutlich besser im Studium verankert werden. „Aktuell werden Patienten mit Diabetes vor allem in Hausarztpraxen und von rund 1.100 niedergelassenen Diabetologen versorgt. Seit Einführung der Fallpauschalen sind die Betten für Diabetes-Patienten in deutschen Krankenhäusern kontinuierlich zurückgegangen“, erklärt DDG Pressesprecher Professor Dr. med. Baptist Gallwitz. Nur acht von ehemals 36 Lehrstühlen an Hochschulen seien aktuell besetzt. Er warnt: „So laufen wir mittelfristig in ein dramatisches Versorgungsdefizit.“

Forderung für den Bereich "Kinder mit Diabetes": bessere Betreuung an Schulen

Auch um das Wohl der Jüngsten ist die Fachgesellschaft besorgt: DDG-Präsident und Kinderdiabetologe Professor Dr. med. Andreas Neu betonte zu Beginn des neuen Schuljahrs, dass besonders die Unterstützung von Grundschulkindern mit Diabetes im Zuge der Inklusion verbessert werden müsse. Sie sind damit überfordert, ihren Blutzuckerspiegel zu messen, die Daten zu interpretieren und sich dann auch noch Insulin zu spritzen.

Er forderte deshalb an allen Grundschulen nach dem Vorbild Dänemarks den Einsatz von Schulgesundheitsfachkräften. Diese könnten Eltern und Lehrer entlasten, aber auch bei Unfällen, Missbrauch, Misshandlung und Vernachlässigung oder bei Ernährungsfragen Hilfestellung leisten. „So könnten die Bildungs- und Gesundheitsbiografien chronisch kranker Kinder etwa mit Diabetes mellitus deutlich verbessert werden“, betonte Neu.

Fazit der Experten

Alle Expertinnen und Experten der DDG waren sich einig, dass nur eine gesetzlich besser verankerte Prävention die Zahl der Diabetes-Erkrankungen in Deutschland perspektivisch verringert. „In der nächsten Legislaturperiode muss der Gesetzgeber die Diabetesprävention ganz oben auf die politische Agenda setzen.“ Es müsste Schluss sein mit dem bisherigen Klein-Klein. Verbraucher-, Gesundheits-, Wissenschafts- und Wirtschaftsministerium stünden gemeinsam in der Verantwortung, die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger zu schützen.

Wer sich eingehender informieren möchte: Hier geht es zu den politischen Forderungen der DDG.Und hier zum Mitschnitt der Hybrid-Pressekonferenz am 13. September 2021 in Berlin.

Quelle: Deutsche Diabetes Gesellschaft | Redaktion