Reisen mit Diabetes? Natürlich! Das ist kein Problem, und viele Menschen mit Diabetes sind in der ganzen Welt unterwegs. Aber eine mehrmonatige Reise mit einem Bulli – und einem noch recht frisch diagnostizierten Typ-1-Diabetes? Das ist eine besondere Herausforderung. Hannah Effertz und ihr Freund Christian haben es gewagt. Hier ihr erster Bericht über diese Reise.

Geschafft – wir sind in Serbien! Mit negativem Corona-Test, mit Diabetes. Auf einem riesigen Campinglatz mitten in der Natur im Nationalpark Fruška Gora sind wir die Einzigen. Reisen trotz Corona und mit Diabetes? Nicht selbstverständlich, aber möglich. Ein wunderbares Gefühl, denn vor dem Start unserer Reise waren mein Freund Christian und ich unsicher, ob alles auch funktionieren würde…

Die Diagnose: Aus der Traum vom Reisen?

Die Diagnose traf mich im November 2019 wie wahrscheinlich alle Diabetiker*innen ziemlich unerwartet. Einer meiner ersten Gedanken war: Diabetes und Reisen, ist das überhaupt noch möglich? Kann unsere schon länger geplante Auszeit im Sommer 2021 noch wie geplant stattfinden? Eine mehrmonatige Reise im Bulli durch den Balkan als Diabetikerin, wie soll das gehen?

Mit viel Kraft und Unterstützung meistere ich diese chronische Erkrankung aber recht gut, sodass mein Mut und meine Motivation schnell wieder zurückkamen. Dass Corona so lange bleibt und uns einen Strich durch die Rechnung machen sollte, hätte ich im März 2020 nicht gedacht. Ein weiteres Hindernis also, das es zu überwinden galt.

Ende März sitzen wir in den Startlöchern, sind unsicher, ob wir die Reise wagen sollen. Jeden Tag gibt es andere Nachrichten. Erst sieht es besser aus – Lockerungen –, dann ein steigender Inzidenzwert: Kommt ein Lockdown? Könnten wir noch eine Impfung vor der Abreise erhalten? Lassen uns andere Länder überhaupt rein? Sollen wir noch länger warten oder endlich los? Was, wenn wir gar nicht mehr wegkommen? Wir machen es einfach! Losfahren und gucken, was geht, denn was bleibt uns anderes übrig?

Trotz Corona und Diabetes wollen wir die Reise wagen, denn – das hat mich die Diagnose gelehrt – man weiß nie, was noch kommt und das Leben so bringt. Also lieber jetzt als später meine Träume verwirklichen, nichts aufschieben. Also heißt es: Packen!

Ich packe meinen Bulli…mit Diabetes-Kram, Diabetes-Kram und Diabetes-Kram

Vor jeder Reise gibt es bekanntlich einiges an Vorbereitungen zu treffen. Reist man dann auch noch mit Diabetes und möchte für längere Zeit im Bulli unterwegs sein, wird es kompliziert…aber nicht unmöglich! Da es meine erste längere Reise mit Diabetes sein würde, wollte ich mich im Vorhinein gut informieren und auf alles vorbereitet sein: Ich las den Ratgeber „Zucker im Gepäck“ für Reisen mit Diabetes von Susanne Löw, schloss eine Auslandskrankenversicherung, welche auch chronische Erkrankungen einschließt, ab, vereinbarte frühzeitig Termine bei meiner Diabetologin und meiner Diabetesberatung und ließ mir von Dexcom alle bewilligten Sensoren für ein halbes Jahr schicken.

Als ich endlich ca. sechs Wochen vor Abreise all meinen Diabetes-Kram beisammenhatte, stapelten sich drei Kartons mit Sensoren, eine große Tüte mit Penkanülen und zwei kleinere Tüten mit Glukoseteststreifen und Lanzetten vor mir. Hinzu kamen natürlich noch das Insulin und sonstige Dinge, die ich für meinen Diabetes benötige. Wie sähe der Berg an Diabetes-Kram wohl aus, wenn ich statt Pen mit Pumpe und statt Bulli mit Rucksack unterwegs wäre? (Wohl ein Projekt für zukünftige Reisen…)

© Hannah Effertz

Wie sollte das alles in den Bulli passen, in dem noch meine Diabetesanzeigehündin „Tüte“ (in Ausbildung) und mein Freund sowie ihr Gepäck Platz finden sollten? Also packte ich fleißig eine Woche lang, räumte ein und wieder aus, räumte um, bis alles passte. Ich verpackte alles einzeln in Zipper-Gefrierbeutel – die beste Erfindung für einfach alles! Besonders platzsparend und übersichtlich, auch sind die Gegenstände gegen Feuchtigkeit geschützt.

Alles, was bei vorgegebenen Temperaturen (meist +4 bis +30°C) gelagert werden soll, wie Sensoren, Transmitter und Glukoseteststreifen, verstaute ich samt MedAngel-Temperatursensor in eine Kühltasche tief unter unserem Bett im Bulli. Sollte es über 30°C werden, kann ich noch Kühlakkus in die Tasche legen.

So reduzierte sich der unüberschaubare Berg an Diabetes-Kram auf eine Kühltasche und eine handliche Kiste. Geht doch! Aber wie kühle ich das Insulin konstant auf unter 8°C bei Außentemperaturen von über 40°C? Würde es im Bulli nicht noch viel heißer werden? Für die verlässliche Kühlung meines Insulins besorgte ich mir deswegen eine leistungsstarke, etwas hochpreisigere Kompressor-Kühlbox von Dometic. Die Investition ist es aber allemal wert, denn über ein gekühltes Bier nach einem sonnigen Tag am Meer werde ich mich auch nicht beschweren… Die Kühlbox kann zudem noch per App gesteuert werden, welche ebenfalls eine Alarmfunktion hat.

© Hannah Effertz

Auf Campingplätzen ist die Stromversorgung gesichert. Aber wie ist es während der Fahrt, auf einem Parkplatz, während wir durch die Stadt bummeln oder am Meer chillen? Oder beim Wildcampen? Zum Glück habe ich einen motivierten Freund, der sich durch zahlreiche Youtube-Videos und Anleitungen schlug, im Internet recherchierte, bestellte, was das Zeug hielt, und schließlich in der Werkstatt sogar selbst mitbastelte. So verfügt unser Bulli nun über eine leistungsstarke Lithium-Ionen-Zweitbatterie, welche die Kühlbox und andere Geräte mehrere Tage mit Strom versorgen kann. Sollte dies nicht reichen, können wir die Batterie noch über ein Solarpanel samt Laderegler aufladen.

Die Reise kann losgehen

Am 27. März ging unsere Reise dann endlich los. Unser erstes Ziel: Kroatien, da hier Tourismus mit einem negativen Schnelltest möglich ist. Nachdem wir Familie und Freunde auf dem Weg nach Süden besucht hatten, verbrachten wir einige Zeit in Freiburg. Dort heizten wir mit gemieteten E-Mountainbikes die Trails um den Berg Roßkopf hinauf und hinunter – die erste sportliche Bewährungsprobe für meinen Diabetes auf dieser Reise. Trotz E-Motors startete ich die Tour mit einem Wert von fast 200 mg/dl (11,1 mmol/l), der nach einer Stunde Bergauffahrt auf 100 mg/dl (5,6 mmol/l) heruntergegangen war. Für den Snack beim Picknick spritzte ich nur die Hälfte des Insulins.

© Hannah Effertz

Danach ging es nur noch bergab, mein Zucker blieb aber zum Glück stabil. Weiter ging es nach Konstanz zu einer Freundin. Dort gingen wir morgens ganz früh im glasklaren und eiskalten Rhein baden. So gesund Eisbaden auch für den Körper ist, so ist es dennoch eine Stresssituation, was ich an meinen in die Höhe schießenden Glukosewerten bemerken konnte. Wir genossen die geselligen Abende bei leckerem Essen und gutem Wein mit unseren Freunden, doch mein Diabetes beschwerte sich über die abwechslungsreichen und spät verzehrten Gerichte.

Fast jede Nacht weckte mich mein Sensor-System wegen zu hoher oder zu niedriger Werte. Ich müsste „einfach“ etwas disziplinierter sein, dachte ich. Aber Disziplin ist so schwer auf Reisen und besonders in Gesellschaft. Hinzu kommt diese äußerst befreiende Spontanität auf Reisen, welche Körper und Geist eigentlich so gut tut, meinem Diabetes leider eher weniger. Aus einem kurzen Spaziergang wird dann auf einmal eine Ganztagestour durch die Stadt und das Eis beim Flanieren kann ich mir dann auch nicht verkneifen. Aber das sind wohl die Diabetesmanagement-Feinheiten, an die ich mich noch gewöhnen und mit denen ich schließlich leben muss.

© Hannah Effertz

Dafür hat Tüte schon die ein oder andere Unterzuckerung mit ein bisschen Unterstützung angezeigt. Noch ist sie sehr zögerlich und traut sich nicht so richtig, ohne Kommando loszulegen. Sie starrt mich dann immer an und stupst ganz vorsichtig und zärtlich mit ihrer Nase an mein Bein… kaum zu bemerken. Ich muss dann sehr aufmerksam sein und sie motivieren.

Wandern und Wildcamping bei eisigen Temperaturen

Nachdem wir Konstanz mit der Fähre Richtung Bayern verlassen hatten, ließen wir uns einen Stopp beim Schloss Neuschwanstein nicht nehmen. In der Nachmittagssonne konnten wir das Märchenschloss, welches wegen Corona geschlossen hatte, zumindest von außen und dafür mutterseelenallein bestaunen. In der Regel wird diese Sehenswürdigkeit sonst von Touristenströmen überrannt, bei unserem Besuch hatten wir eher das Gefühl, in einer Zombie-Apokalypse die einzigen Überlebenden in einem ausgestorbenen Ort zu sein.

Naja, ein Virus haben die Corona-Pandemie und eine Zombie-Apokalypse immerhin gemeinsam… dies ist aber mit großer Sicherheit der einzige positive Nebeneffekt von Corona. Denn da die Campingplätze in Deutschland geschlossen hatten, verbrachten wir unsere erste Nacht im Bulli auf einem Parkplatz bei Minustemperaturen. Dass mein Insulin ja auch nicht zu kalt werden darf, hatte ich beim Planen der Reise gar nicht berücksichtigt. Zum Glück funktionierte die Standheizung einwandfrei, sodass die Nacht bei 14°C im Auto trotz Außentemperaturen von -5°C sehr angenehm und mein Insulin sicher war.

© Hannah Effertz

Am nächsten Tag unternahmen wir eine Wanderung in der Ammerschlucht bei Saulgrub. Sie führte uns durch die Schluchtenlandschaft entlang der Ammerleite, durch verschneite Wälder und hoch hinauf auf Almen. Als Höhepunkt beeindruckten die Schleierfälle, die sich über Jahrhunderte aus Kalk und Moos gebildet haben und als Naturdenkmal geschützt sind.

Tüte hatte den Spaß ihres Lebens und sauste die hügeligen Wege hinauf und hinunter. Sie bewertete die Wanderung mit fünf von fünf Pfoten und auch wir würden sie zu einer unserer schönsten und abwechslungsreichsten Wanderungen zählen. Da wird eine Unterzuckerung, für die wir die Wanderung kurz unterbrechen mussten, glatt zur Nebensache.

© Hannah Effertz

Geschafft von der Wanderung schliefen wir nach einem gemütlichen Bierchen am Fluss früh in unserem Bulli ein und ich wachte leider zweimal in der Nacht von dem Klingeln meines Sensors wieder auf. Die Unterzuckerungen hatten es in sich: Nach einer 330-ml-Flasche O-Saft, einer Banane und zwei Schokoriegeln ließ mich mein Diabetes in Ruhe und ich konnte gegen 4 Uhr endlich wieder einschlafen. Ich hatte die 4,5-stündige Wanderung und den anschließenden Alkohol wohl völlig unterschätzt.

Dabei weiß ich es doch eigentlich besser: Die Theorie sagt, dass es den Muskelauffülleffekt gibt. Die Theorie sagt, dass man je nach körperlicher Anstrengung ein bis zwei KE (Kohlenhydrateinheiten) extra essen soll. Die Theorie sagt, dass man nach dem Sport keinen Alkohol trinken soll. All das soll ich, all das weiß ich. Und trotzdem habe ich es nach der Wanderung vergessen, habe die Auswirkung auf meinen Körper unterschätzt. Habe unterschätzt, was mein Körper selbst regulieren bzw. aufgrund des Diabetes nun nicht mehr selbst regulieren kann.

Ein frustrierendes Gefühl überkam mich. Ich mache mir so viele Gedanken, versuche alles zu berücksichtigen, mache Sport und versuche, mich gesund zu ernähren und… es reicht trotzdem nicht. Aber was hilft es? Frust abschütteln, Situation reflektieren, daraus lernen und versuchen, es beim nächsten Mal (noch) besser zu machen. Die Lust am Wandern lasse ich mir auf jeden Fall nicht nehmen!

Der Bulle von Tölz

Der letzte Stopp vor Kroatien war das schnuckelige Bad Tölz, wo wir uns abends eine Pizza auf den sehr schön gelegenen Stellplatz an der Isar liefern ließen. Eigentlich so romantisch, aber dank meines Diabetes gab es die Pizza kalt, denn das zuvor verspeiste Nusscroissant ließ meinen Blutzucker so stark ansteigen, dass ich noch eine halbe Stunde warten musste, bis der Wert runterging und ich die Pizza essen durfte. Trotzdem schmeckte sie nach drei Tagen Joghurt und Brot fantastisch!

© Hannah Effertz

Nun, endlich mal wieder eine Nacht gut durchschlafen. Mein Zucker schien stabil zu sein und ich wurde nicht geweckt… bis… es nachts um 2.30 Uhr – pamm, pamm, pamm – laut an unsere Bullitür hämmerte. „Der Bulle von Tölz“, dachte ich! Zwei etwas schlankere und jüngere Polizeibeamte als Ottfried Fischer leuchteten mit ihren Taschenlampen dafür umso motivierter in unser Auto, rissen uns aus dem wohlverdienten Tiefschlaf und wollten unsere Personalausweise sehen.

© Hannah Effertz

„Es läuft jetzt so ab: Wir nehmen Ihre Personalien auf und leiten sie weiter. Dann erhalten Sie einen Bußgeldbescheid (500 € pro Person), zu dem Sie Stellung beziehen können. Sie verstoßen gerade gegen die Ausgangssperre nach der Corona-Verordnung.“ Mein Diabetes bemerkte meinen Stress und Ärger und die Werte schossen nach oben. Dass wir in unserem Wohnmobil wohnten und auf der Durchreise nach Kroatien waren, interessierte die Polizisten leider nicht.

Vier Länder in vier Stunden

Nach diesem Erlebnis wollten wir Deutschland schnellstmöglich verlassen, in Corona-Zeiten aber gar nicht so leicht: Mit negativem Schnelltest vom Roten Kreuz aus Aschau im Chiemgau, einer Reservierungsbestätigung von einem kroatischen Campingplatz, einem ausgefüllten Einreisedokument der kroatischen Behörde und Vignetten für Österreich und Slowenien fuhren wir los, durch Deutschland, Österreich, Slowenien und schließlich Kroatien. An jeder Grenze wurden wir kontrolliert, an der kroatischen mussten wir das Testergebnis vorzeigen. Ein beklemmendes Gefühl, aber zum Glück ging alles problemlos.

Hakuna Matata in Kroatien

Traumhaft auf einer Halbinsel gelegen und fast menschenleer verbrachten wir die letzte Aprilwoche bei sonnigem Wetter auf einem Campingplatz an der türkisblauen Adriaküste. Morgens an der Steinküste Yoga machen, danach ins türkisblaue, noch sehr frische Meerwasser hüpfen, mit Tüte eine Runde entlang der Klippen drehen, sich zwischendurch in den verlassenen Buchten abkühlen, abends Fisch auf der Restaurantterrasse essen und anschließend mit einem Gläschen Wein den Tag beim Sonnenuntergang ausklingen lassen. Hakuna Matata!

© Hannah Effertz

Der erste Straßenhund begegnete uns auch schon auf dem Campingplatz, machte aber einen großen Bogen um uns und Tüte. Wir hatten uns geschworen, keine Straßenhunde zu füttern, da wir sonst mit einem Bulli voller Straßenhunde nach Deutschland zurückkehren würden. Dafür retteten wir einen jungen, alle Viere von sich gestreckten, in der Sonne liegenden Igel!

Während verschiedener Tagesausflüge verzauberte uns Istrien mit seinen alten Fischerdörfchen (z.B. Rovinj), der felsigen Küste und den einsamen Buchten, den Olivenbäumen und wild wachsenden Rosmarinsträuchern, frischem Fisch und leckerer Pizza. Überall, wo wir waren, waren wir einige der wenigen Touristen. So konnte die Reise weitergehen! Auch mein Diabetes hatte sich mittlerweile etwas eingependelt, da Christian und ich abends wieder früher und gesünder aßen.

© Hannah Effertz

Die Kühlung des Insulins funktionierte bis auf einen kleinen Zwischenfall problemlos: Als wir den Laptop über die Zweitbatterie laden wollten, flog die Sicherung raus und auch die Kühlbox war somit ohne Strom. Zum Glück befanden wir uns zu der Zeit auf einem Campingplatz, sodass wir die Stromversorgung über den Landstrom direkt wieder sicherstellen konnten. Wäre dies unterwegs passiert, wäre es nicht so günstig gewesen. Wir erstellten einen Sicherungsplan unserer Zweitbatterie und besorgten mehrere Ersatzsicherungen.

Das Campingparadies wehrte nicht lange, denn leider wachten wir eines morgens völlig zerstochen auf – wir hatten uns wohl Erdmilben vom sandigen Campingplatzboden in unser Auto geschleppt. So konnten wir nicht noch eine Nacht im Bulli verbringen. Also fuhren wir die Ostküste hoch entlang einer aussichtsreichen Panoramastraße, welche uns durch viele verträumte Berg- und Fischerdörfchen führte, bis nach Rijeka. Die mittelgroße Hafenstadt erwartete uns an einem regnerischen späten Nachmittag mit einem doch etwas heruntergekommen Appartement, das leider nicht wie versprochen über einen Kühlschrank verfügte.

Deswegen blieb mir nichts anderes übrig, als mein Insulin im Auto zu lassen. Auf die Kühlbox und Zweitbatterie war sicherlich Verlass, aber würde trotz bewachten Parkplatzes niemand in das Auto einbrechen? Natürlich hatte ich Bedenken, aber zum Glück war der Parkplatz ganz in der Nähe, sodass ich regelmäßig unser Auto und die Temperatur der Kühlbox checken konnte. Vielleicht ist das ein bisschen paranoid, aber immerhin lagern in dem Auto meine überlebenswichtigen Medikamente für die nächsten Monate. Vielleicht werde ich ja aber auch noch ein bisschen entspannter…

© Hannah Effertz

Ein abendlicher Spaziergang am Hafen von Rijeka lieferte ein groteskes Bild: 24-stöckige Hochhäuser in der Ferne, davor romantische Gebäude aus der Habsburger Zeit, gelegen an einem Hafen, an dem unbezahlbare Yachten neben verrosteten kleinen Fischkuttern ankern, während mir der Geruch des nahe liegenden Fischmarktes vermischt mit Dieselabgasen in der Nase liegt.

Am nächsten Morgen konnten wir die Stadt und den belebten (Fisch-)Markt erkunden. Das bunte Treiben auf einem Markt ist für mich in jeder Stadt einen Besuch wert. Die selbstgemachten Gnocchi, die ich in einem Restaurant aß, schmeckten mir ausgezeichnet, doch leider trieben sie erst spät abends durch die fettige Käsesauce meinen Blutzucker so dermaßen in die Höhe, dass ich mehrmals in der Nacht nachspritzen musste.

Bei einem Wert von 300 mg/dl (16,7 mmol/l) war mir übel und ich hatte Kopfschmerzen. So einen hohen Wert hatte ich seit meiner Diagnose nicht mehr. Dafür konnte ich die Palatschinken, die es hier in an jeder Ecke gibt, bisher besser einschätzen und genießen. Unseren kurzen Aufenthalt in Rijeka schlossen wir mit einem ausgiebigen Besuch in einer Autowaschanlage und einem Waschsalon ab, um uns von den Milben zu befreien und wieder im Auto schlafen zu können. Auch das gehört zum Reisen dazu.

© Hannah Effertz

Urlaub und Gastfreundlichkeit auf dem Land

Da das Reisen der letzten Tage doch sehr anstrengend war und wir eine gute Mütze Schlaf gebrauchen konnten, entschlossen wir uns, „Urlaub“ zu machen und ein paar entspannte Tage in der Gacka-Region im Dorf Prozor zu verbringen. Wir fanden ein bezauberndes Appartement, dessen Vermieter uns mit Rohmilchkäse und dem Pflaumenschnaps Sliwowitz (Sljivovica) aus der Region herzlich empfing. Die hügeligen Wege durch das Dörfchen luden uns zu einer Skatetour ein, doch waren (leider) nicht alle Hofhunde an der Leine oder im Zwinger, sodass wir die Tour ohne Tüte, dafür wunderschön entlang des Flusses, vorbei an Hühnern und Schafen, machten.

© Hannah Effertz

Bei einer Quadtour pesten wir durch Schlamm und Hügel, bei einer Kajaktour beobachteten wir die Enten und lauschten dem Quaken der Frösche. Meinem Diabetes machten sowohl die Touren als auch die wirklich beste Pizza unseres Lebens zum Abendessen in einem kleinen, unscheinbaren Lokal direkt an der Flussquelle nichts aus. So soll Urlaub sein! Doch die Diabetiker*innen unter uns wissen: Vom Diabetes gibt es keinen Urlaub. Die nächste Unterzuckerung ließ nicht lange auf sich warten.

Unterzuckerung irgendwo im Nirgendwo

Nach einer Wanderung entlang der auf mehreren Ebenen gelegenen Plitvicer Seen, welche durch ihr klares Wasser und die vielen Wasserfälle bezaubern, übernachteten wir auf einem kleinen, familiären Campingplatz ganz in der Nähe, wo es zur Begrüßung direkt wieder zwei Sliwowitz von der gastfreundlichen Betreiberin gab.

© Hannah Effertz

Abends gegen 22 Uhr lagen wir schon im Bett, als ich zu Christian sagte: „Irgendwie fühle ich mich ganz komisch.“ Sofort maß ich meinen Blutzucker, der mir den bisher geringsten Wert seit meiner Diagnose anzeigte: 29 mg/dl (1,6 mmol/l). Ich hatte schon Sehstörungen, konnte aber noch selbstständig eine Flasche Saft trinken und meinen Blutzucker messen.

Da der Wert nach 10 Minuten weiter auf 21 mg/dl (1,2 mmol/l) gefallen war und ich nun auch noch weitere Wahrnehmungsstörungen hatte (ich versuchte, meinen Blutzuckerteststreifen in meinen CGM-Empfänger zu stecken), rief Christian den Krankenwagen. Ich bekam noch mit, dass die Sanitäter nicht genau wussten, wo der Campingplatz lag, und Christian immer wieder zum Eingang rannte, um sie abfangen zu können. Mein Herz fing an zu rasen, ich fühlte mich wie in einem Alkoholvollrausch, bei dem man nicht mehr richtig gucken kann und nicht mehr ganz weiß, wo man gerade ist. Wie in einem Traum, benebelt.

Trotzdem konnte ich noch selbstständig mehr Traubenzucker essen, sodass ich nach 30 Minuten, als der Krankenwagen endlich da war, wieder stabil war. So konnte Christian die Sanitäter wieder wegschicken und ich völlig erschöpft einschlafen.

Ich war froh, in diesem Moment nicht allein gewesen zu sein. Christian wusste genau, was zu tun war, und hatte das Notfallnasenpulver schon bereit. Am nächsten Tag versuchte ich natürlich, die Ursache für die starke Unterzuckerung zu finden, konnte aber keinen Grund ausmachen. Ich hatte Gewohntes gegessen und vorsichtig gespritzt.

© Hannah Effertz

Vielleicht hatte ich doch die Wanderung, welche eigentlich nicht anstrengend war, unterschätzt? Vielleicht waren die zwei hochprozentigen Schnäpse zu viel, sodass meine Leber bei der Unterzuckerung nicht mehr genügend gegensteuern konnte? Aber warum hatte mein Sensor, der mich ja eigentlich vor einer Unterzuckerung warnen soll, nicht Alarm geschlagen? Vielleicht war er mit dem sehr schnell abfallenden Blutzucker überfordert und kam nicht mehr hinterher? Viele „Vielleichts“. Die vielen „Vielleichts“ sind es, die das Leben mit Diabetes so anstrengend machen…

Denn vom Diabetes gibt es keinen Urlaub, keine Verschnaufpause. Diese chronische Erkrankung ist ein täglicher Kraftakt, eigentlich genau wie das Reisen. Diabetes und Reisen? Passt also doch gut zusammen: jeder Tag ist anders, jeden Tag wartet ein neues Abenteuer. Freude und Frust sind ständige Begleiter, es am Ende aber geschafft zu haben, gibt mir neue Energie für den nächsten Tag mit neuen Abenteuern, mit Diabetes.

© Hannah Effertz

Jetzt hoffen wir auf eine Impfung in Serbien. Wo uns unsere Reise noch hinführt, welche Abenteuer wir erleben, welche Herausforderungen mein Diabetes bringt und was trotz Diabetes und Corona möglich ist, werde ich berichten.


von Hannah Effertz
Blog: diezuckertueten.blogspot.com
E-Mail: effertzhannah@­gmail.com


Erschienen in: Diabetes-Journal, 2021; 70 (9) Seite 38-41